Schneller – schöner – stärker

Ich gestehe: Den Großteil meines jugendlichen und auch nicht mehr ganz so jugendlichen Lebens habe ich damit verbracht, mich mit anderen auf die eine oder andere Art zu vergleichen. Das begann in der Pubertät, als ich immer die Hübscheste, Schlankste (sowieso!) und Beliebteste sein wollte. Ich wollte 100% der Aufmerksamkeit. Und wenn ich die, zum Beispiel von meinem damaligen Freund, nicht bekommen habe, war Feuer am Dach.
Das ist ganz normal in der Pubertät, sagst du? Ja, eh. Bei mir ging es allerdings weiter.

Allen anderen voraus

Ich hatte das Bedürfnis die Schnellste zu sein, wenn ich mit dem Rad oder Auto unterwegs war. Oder zumindest die Erste an der roten Ampel. (Nein, das ist kein Schreibfehler. Ich meine es so: Ich war diejenige, die mit einem Affenzahn dahinpreschte, nur, um dann als erste und entsprechend länger als alle anderen das rote Licht über mir zu bewundern. Und dann natürlich mit Gummi und Vollgas weiter zu flitzen, sobald es grün wurde. Egal, ob mit dem 2CV oder dem roten Flitzeauto.

Im Fitnesscenter fiel ich dadurch auf, dass ich am meisten machte. Übte jemand neben mir die „fliegenden Schultern“ mit einer 10-Kilo-Hantel, so nahm ich 15. Machte eine vermeintliche „Konkurrentin“ 100 Sit-ups, so machte ich 200. In meiner Spitzenzeit brachte mich das auf einen Durchschnitt von 600 Sit-ups pro Training. Man sieht, es gab auch andere Dämliche, die wiederum wegen mir ihre eigene Messlatte höher legten …

Letztendlich war ich jeden Tag zwei Stunden im Fitness Center, absolvierte meine lächerlich hohe Anzahl an Sit-ups, gefolgt von aggressivem Krafttraining, bei dem ich ans Limit ging und einer Stunde auf dem Laufband. Nach einem halben Jahr war mein Körper gestählt und ich am Ende. Ich hatte eine gründliche Allergie gegen Fitnessstudios entwickelt, die sich als unerträglicher Widerwille bis hin zum Brechreiz äußerte. Und so kam es, dass die äußeren Zeugen meines Trainings sukzessive verschwanden – die körperlichen Nebenerscheinungen wie eine Überreizung des Sonnengeflechts wurden  jedoch über lange Zeit meine Begleiter.

Viele Gegner

Auch im beruflichen Umfeld gab es für mich keine Freunde, sondern ausschließlich Konkurrenz. Alle, die auch nur ungefähr das Gleiche machten wie ich – und das waren viele! – waren meine Gegner. Ich wollte schließlich verdienen. Ich! Es war unendlich anstrengend, und die Freude an meiner Tätigkeit nahm mit jedem Tag ab.

Aus dieser Einstellung resultierte noch etwas anderes: Ich wurde zunehmend einsam, denn gut Zwetschken essen war mit mir nicht! Immer angespannt, immer auf der Hut.

In guten Momenten war ich ein Sonnenschein, doch oft setzte ich mein sonniges Gemüt nur ein, um etwas zu erreichen: Aufmerksamkeit, den ersten Platz oder den nächsten Kunden.

So wäre es wohl ewig weitergegangen, wäre nicht M. auf der Bildfläche erschienen. Das „M.“ könnte für „Mentorin“ stehen. Tut es aber nicht. M. war Monika, eine ältere Kollegin von mir, mit der ich mich zufällig auch gut verstand.

Und sie war es, die meine Perspektive änderte.

A star was born

So rief mich diese kluge Frau eines Tages an und meinte: „Ich habe eine Kundin, aber keine Zeit. Darf ich ihr deine Nummer geben?“

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wir waren – geschäftlich betrachtet – Konkurrentinnen! Wieso sollte sie das tun?

Sie erklärte es mir, geduldig und liebevoll wie einem kleinen Kind: „Schau, wenn ich keine Zeit habe, dann sucht die Kundin sich jemand anderen. Dann ist sie vielleicht weg. Wenn ich ihr eine Option biete, wie zum Beispiel die, zu dir zu gehen, dann bleibt das Geld in der Familie. Du hast eine Kundin gewonnen, und sie kommt sicher irgendwann wieder zu mir zurück, weil sie weiß, dass ich nicht nur gute Arbeit leiste, sondern sie auch versorge, wenn ich selbst einmal keine Zeit habe oder krank bin. Wenn ich ihr keine Option biete, dann sucht sie sich für diesen Auftrag jemand anderen – und dann ist sie wahrscheinlich für uns beide verloren. So können wir beide möglicherweise sogar das eine oder andere Projekt für sie gemeinsam übernehmen. Und du weißt, dass du dich umgekehrt an mich wenden kannst, wenn immer du Aushilfe brauchst!“

So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Und bald schon begann ich, diesen Zugang sehr zu schätzen und ebenfalls umzusetzen. A star was born.

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Monika ist leider letzten Sommer über den Regenbogen gegangen. Ich werde sie und ihre Weisheit jedoch immer in meinem Herzen behalten.

Immer öfter

Nun, ganz so schnell ging es bei mir nicht, aber Monikas Aktion hatte bei mir einen Prozess angestoßen, der niemals enden sollte. Ganz im Gegenteil: Sobald sich mein Gehirn damit abgefunden hatte, dass diese andere Perspektive nicht nur ebenso gut, sondern die bessere war, begann ich, mein neues Wissen mehr und mehr auszuprobieren – und war bass erstaunt, dass es funktionierte! Nicht immer und überall – schließlich liefen und laufen noch immer genügend Menschen herum, die so drauf sind wie ich früher.

Nicht immer, doch, wie es in der Bierwerbung heißt: immer öfter.
Und so entdeckte ich völlig neue Schätze.

Unser Gehirn ist ja ein gar schlaues Kerlchen. Im Zuge von wissenschaftlichen Versuchen bekamen Menschen eine Brille aufgesetzt, mit der sie die Welt auf den Kopf gestellt sahen. Nach anfänglicher Verwirrung begann das Gehirn, alles umzudrehen, sodass die Probanden schon nach kurzer Zeit alles wieder „richtig herum“ sahen.

Verkehrte Welt – oder so

Heute sieht meine Welt ganz anders aus. Ich freue mich mit anderen an deren Erfolgen – und wenn es passt, dann gibt es Kooperationen. Ich weiß, dass ich keine Konkurrent:innen habe, sondern Mitbewerber:innen und Kolleg:innen.

Dieses Denken erspart mir enorm viel Energie, die ich in neue Projekte stecken kann, die ich wiederum gemeinsam mit anderen umsetze.

Dazu kommt, dass ich eines gelernt habe: Ich muss nicht die Beste, Schnellste und Tollste sein, um gut zu sein. Ich darf den Erfolg von anderen feiern und sogar ein bisschen großzügig sein. Ich darf in anderen und deren Arbeit das Gute sehen und loben – meine Leistung wird dadurch nicht geschmälert.

Natürlich weiß ich, dass es auch „die anderen“ noch gibt. Die, die so sind, wie ich einmal war. Die, die noch nicht das Glück hatten, einer Mentorin über den Weg zu laufen. Oder die sie noch nicht wahrnehmen konnten. Aber das kann sich ja jederzeit ändern. Und wenn ich die eine oder den anderen dazu inspirieren kann, umzudenken, dann habe ich ein Lebensziel erreicht.

Miteinander statt gegeneinander

Wie ist das bei dir? Hast du deine Brille schon umgedreht? Oder möchtest du es probieren?

Es passiert nichts, ich verspreche es dir! Dir wird höchstens am Anfang ein wenig schummrig werden,  und vielleicht hast du das eine oder andere Mal die Hosen voll.

Aber wenn du aufhörst, andere zu bekämpfen und dich mit ihnen zu messen, wenn du stattdessen auf sie zugehst und anerkennst, dass mehrere Menschen gute Sachen machen können, und trotzdem jeder und jede ein gutes Auskommen findet, dann hast du gewonnen.

Nicht den Wettbewerb, sondern das Leben.

Ich gebe hiermit die Fackel an dich weiter. Lass uns miteinander das Licht der Gemeinsamkeit verbreiten, den Konkurrenzkampf zur Seite stellen und Großes erschaffen!