Wie viele Zeichen sind auf einer Buchseite?

In letzter Zeit bekomme ich diese Frage immer öfter zu hören: Wie viele Wörter brauche ich für ein Buch? Was ist eine Buchseite? Ist es das Gleiche wie eine Seite im Manuskript? Wie kann ich das umrechnen?

Nun, fangen wir gleich mit der schlechten Nachricht an: Kannst du nicht. Zumindest nicht so einfach. Warum?

Weil es darauf ankommt, wie diese Seite im Buch aussehen soll.

Und wie viel auf der originalen Seite im Manuskript steht.

Wie viele Zeichen hat eine Buchseite mit nur Text?

Wenn du nur Text im Buch haben möchtest, also weder Grafiken noch viel Weißraum, dann ist es relativ einfach. Du gehst z. B. auf https://www.buchschmiede.at/downloads/ und suchst dir aus, welches Format du für dein Buch haben möchtest.

Tipp: Für Sachbücher ist A5 recht nett, für Biografien darf es auch ein bisschen größer sein und relativ schmäler. Ist aber eine Geschmackssache.

Du kannst auch gleich in dieser Vorlage schreiben, wenn du das tun willst. Dann hast du jederzeit den Überblick, wie viel Text du hast und entsprechend wie viele Buchseiten – schau einfach links unten auf den Zähler in Word. Wenn du die Schrift oder die Schriftgröße oder den Durchschuss (also den Zeilenabstand) veränderst, dann bedenke, dass sich die Seitenanzahl ändert. Eine solche Seite kann zwischen 1500 und 2000 Zeichen inkl. Leerzeichen haben – das ist jedoch nur eine grobe Schätzung und kann im Einzelfall stark abweichen! Schau dir meine Beispiele an, dann weißt du, was ich meine.

Der Text ist übrigens ein sogenannter Blindtext von der Seite https://www.lustigonline.de/blindtext/.

Du kannst die Schrift verändern – denk nur immer daran, dass nicht jede Schrift für Druckwerke lizensiert ist. Und wenn du eine erwischt, für die du diese Lizenz nicht hast, dann kann das unter Umständen empfindlich teuer werden. Hier findest du ein paar Schriften, die du verwenden darfst.

Wie viele Zeichen hat eine grafisch gestaltete Buchseite?

Ha! Jetzt wird es richtig schwierig! Du siehst schon auf Abbildung, dass sich die Zeichenanzahl rapide verringert, wenn man nur mehr Weißraum einfügt. Hat man dann auch noch Grafiken etc., braucht man umso weniger Buchstaben.

Eine Teilnehmerin unseres Lehrgangs meinte einmal, das sei unfairer Wettbewerb und so etwas wie „Zeit schinden, nur auf Seiten umgelegt, also Seiten schinden“. Ich sehe das nicht so.

Gehirngerecht

Um einen Text gehirngerecht aufzubereiten, braucht das Auge (und damit das Gehirn) Platz zum Rasten, es soll nicht unerbittlich durch den Text geprügelt werden, sondern darf auch einmal innehalten und durchatmen. Außerdem gibt es für viele Menschen kaum ein größeres Erfolgserlebnis als eine Seite umzublättern, und wenn diese Seiten dann in Mini-8-Punktschrift vollgekritzelt sind und noch dazu weder Abstände noch Weißraum aufweisen, dann ermüdet nicht nur das Auge, sondern auch der Geist, von der moralischen Komponente ganz zu schweigen. Weißt du, wie zäh das ist, an einer einzigen Seite eine Ewigkeit zu lesen – und dann noch 250 davon vor sich zu haben? So spannend kann das Thema gar nicht sein, dass der durchschnittliche Mensch das durchhält!

Und aus durchschnittlichen Menschen setzt sich meist unsere Zielgruppe zusammen, und nicht aus verkappten Genies!

Links siehst du zwei Beispiele aus einem meiner Bücher: Das Leben kann Spuren von Fett enthalten. Die Seite mit Monis Mental-Tipp enthält auf einer Größe von 170/170 mm 554, die Seite mit dem Text 2291 Zeichen inkl. Leerzeichen.

Derart gestaltete Seiten haben absolut eine Existenzberechtigung in einem Buch – solange sie nicht überhandnehmen. Und natürlich hängt es immer von Zielgruppe und Autor:in ab, wie viel Grafisch-Verspieltes Platz finden darf und soll.

Leere Seiten in einem Buch

„Ach“, denkst du jetzt vielleicht. „Leere Seiten brauche ich also auch?“ Ja, tatsächlich ergeben sich manche Leerseiten einfach durch den Text.  Ein Kapitel fängt in Romanen immer auf einer rechten Seite an. Daher bleibt die linke Seite unter Umständen frei, wenn es sich vom Text nicht anders ausgeht. Oder wenn ein größeres Kapitel beginnt und die Grafikerin beschließt, eine Schmuckseite dazwischen einzuziehen. Das kann durchaus hübsch aussehen und hat ebenfalls wieder den Sinn, das Auge und den Geist ein wenig ruhen zu lassen. Auch ganz vorne kann ein leeres Blatt sein, das sogenannte „Schmierblatt“, auf dem eventuell Titel und Autor stehen, wo aber auch Platz für eine Widmung bleiben sollte.

Und vielleicht hast du gar „Platz für Notizen“ in deinem Buch? Weil es ein Buch ist, mit dem die Leser arbeiten sollen?

Sieht gut aus – wirft aber deine Seitenkalkulation ganz schön durcheinander! Wobei – von welchen Seiten reden wir eigentlich? Ich musste feststellen, dass die meisten Menschen mit Begriffen wie „Normseite“ oder „Seite in dieser oder jener Formatierung“ nichts anfangen. Daher schauen wir auch da einmal hin.

Was ist eigentlich eine Normseite?

Was eine Normseite ausmacht, das hängt ganz davon ab, wen man fragt. In Deutschland umfasst eine Normseite 1500 Zeichen, eine Normzeile 55 Zeichen, jeweils inklusive Leerzeichen. Eine Normseite besteht damit aus durchschnittlich 250 Wörtern.

In Österreich sieht die Sache etwas anders aus. Da hat die Normseite offiziell 1800 Zeichen inklusive Leerzeichen. Für uns ist das weiter nicht wichtig – außer wir sind (oder haben) Lektorinnen, die ihre Arbeit nach Normseite verrechnen. Dann können diese 300 Zeichen pro Seite ganz schön einen Unterschied machen. Doch eigentlich arbeiten viele Autoren, Übersetzer, Lektoren und Verlage heutzutage nicht mehr mit der klassischen Normseite (egal welcher), sondern bestimmen die Länge eines Textes anhand der Zeichenmenge. So kann ein klassisches Sachbuch zwischen 180.000 und 450.000 Zeichen enthalten, jedoch durchaus auch mehr oder relevant weniger. Das hängt von den Vorstellungen des Verlages ab, aber auch davon, wieviel die Autor:innen sagen bzw. schreiben wollen.

Ich persönlich bevorzuge sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen Bücher, die ich zwischen Wien und Salzburg im Zug auslesen kann. Übersetzt für meine deutschen Leser:innen also in ca. 3,5 bis vier Stunden. Das müssen deswegen keine dünnen Bücher und schon gar keine Broschüren, sondern können eben Bücher mit einer schönen offenen grafischen Gestaltung sein.

In Amerika ist es aber anders!

Bücher von US-Autor:innen gehen oft ins andere Extrem: Sie sind teilweise richtig dick. Wenn man genau hinliest, fällt auf, dass sich vieles immer wieder wiederholt. Teilweise sind es Phrasen, die immer wieder gedro…, äh verwendet werden, teilweise wiederholen sich aber ganze Absätze in etwas anderen Worten. Zusätzlich gibt es Zusammenfassungen, Zusammenfassungen der Zusammenfassungen und Zitate aus anderen Büchern. Angeblich werden die Autoren dort nach Zeichen bezahlt – ob es wirklich stimmt oder nur eine „urban legend“ ist, weiß ich nicht, und auch Google hat es mir nicht verraten. ;-)

Solche Bücher mögen durch Wiederholung den Lerneffekt anregen – mir geht es auf die Nerven! Auch das Herunterbeten von Versuchen und Studien sowie Statistiken erhöht meine Leidenschaft für ein Buch nicht gerade. Wie es bei dir ist, hängt sicher davon ab, welche Metaprogramme bei dir laufen.

Doch zurück zu unserem Thema: Wie ist das jetzt mit der Buchseite?

Wann weißt du, dass du genug geschrieben hast, um ein anständiges Buch zu füllen?

Wie viele Wörter brauche ich für ein Buch?

Ich habe es schon gestreift: Was Menschen unter einem „richtigen Buch“ verstehen, variiert. Manchen ist alles, das dünner ist als die Bibel, zu dünn. Andere wiederum sind mit 100 Seiten zufrieden. Ich sage: Es muss alles Wichtige drinstehen, es sollte ein bisschen Storytelling enthalten, das große Warum des Autors oder der Autorin enthalten, einen roten Faden haben und gut in der Hand liegen.

Wenn Gefahr besteht, dass es sich zu dünn anfühlen könnte, kannst du mit dem Papier Boden gutmachen. Hierfür ist es gut, sich vom Verlag oder der Grafikerin beraten zu lassen. Welches Papier passt zu deinem Buch, welches flufft es haptisch ein bisschen auf, welches Papier passt auch zum Inhalt?

Ich sage einmal, alles ab 200.000 Zeichen inklusive Leerzeichen darf sich getrost Buch nennen, und auch wenn es weniger ist, gibt es keinen Grund zur Panik: Ich durfte schon Bücher begleiten, die über eine Zeichenanzahl von 2.000 nicht hinausgekommen und trotzdem wunderbare Werke sind.

Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch

Fazit: Ich kann dir keine klare Antwort auf deine Frage geben, aber ich hoffe, ich konnte ein bisschen Licht in die Dunkelheit der Buchseiten bringen. Wenn du dich von meinen Ausführungen nicht abschrecken lässt, freue ich mich über einen Anruf oder eine Mail.

Lisa Keskin ist
Ghostwriter, Autorin,
Leiterin der Ghostwriting Academy
und  Schreibcoach

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