Warum Perfektion dein Buch verhindert
Ich weiß nicht, wie es dir geht. Bei mir ist es oft so, dass ich nach dem ersten Satz das Gefühl habe, am besten wäre es, alles wieder zu löschen. Weil es nicht schön genug ist. Weil es komisch klingt. Weil es meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.
Wenn das ganz am Anfang passiert, ist das unangenehm. Man kommt nicht ins Schreiben, weil man sich selbst ständig ausbremst. Richtig mühsam wird es aber dann, wenn ein Buch fast fertig ist und man es trotzdem nicht abschließen möchte. Oder kann.
Dafür gibt es viele Gründe.
„Es fehlt ja noch so viel!“
Der Klassiker.
Du schreibst ein Sachbuch und stellst irgendwann fest, dass all das, was in deinem Kopf ist, in kein Buch dieser Welt hineinpasst. Es tauchen immer neue Ideen auf. Immer neue Gedanken, die unbedingt noch rein müssen. Du weißt so viel und alles scheint gleich wichtig zu sein.Und ja, natürlich willst du das alles in dieses eine Buch packen, das da gerade vor dir liegt.
Meine Tipp lautet: Muss es nicht. Das menschliche Gehirn kann nur eine begrenzte Menge an Informationen aufnehmen. Und nicht alles, was in deinem Kopf ist, muss sich in deinem Buch wiederfinden. Außerdem darf es mehr als ein Buch geben. Wirklich.
Wenn du unsicher bist, was genug ist und was zu viel, dann lass dein Manuskript evaluieren. Am besten, bevor du Unmengen an Zeit, Zweifel und Unsicherheit investiert hast.
„Es ist nicht gut genug!“
Auch ein Klassiker.
Sobald etwas fertig ist, beginnen wir, Fehler zu suchen. Und je höher der eigene Anspruch, desto mehr Fehler finden wir. Irgendwann liest sich alles komisch. Sätze wirken plötzlich sinnlos. Und das Thema fühlt sich auf einmal an wie ein alter Hut.
Wenn du jetzt alles kübeln willst: Tu es nicht. Ich rate grundsätzlich dazu, nichts zu löschen, nichts zu vernichten, nichts wegzuwerfen.
Speichere dein Manuskript ab. Leg es weg. Und lies es an einem Tag noch einmal, an dem du weniger streng mit dir bist. Diese Tage gibt es. Auch wenn man das in der Perfektionsspirale gern vergisst. Und auch, wenn du das Geschriebene jetzt gleich nicht verwenden kannst, vielleicht brauchstvdu es später noch für etwas anderes. Einen Blogartikel zum Beispiel. ;-)
„Versteht überhaupt jemand, was ich sagen möchte?“
Diese Frage höre ich in meinen Buchcoachings sehr oft: „Ich habe so viel zu sagen, aber ich weiß nicht, ob ich auch verstanden werde.“
Es gibt zwei Typen: Die einen erklären alles bis ins kleinste Detail, damit ja niemand etwas missversteht. Das Buch wird dadurch schnell unübersichtlich und sehr lang.
Die anderen gehen davon aus, dass alle Leser:innen auf demselben Wissensstand sind wie sie selbst. Erklärungen fallen dann komplett weg, weil das weiß ja jeder.
Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Und wie so oft ist es allein schwer einzuschätzen, wo genau.
Hier hilft es enorm, sich Feedback zu holen. Am besten von jemandem aus der Zielgruppe. Nicht aus der Familie. Nicht von Menschen, die es entweder besonders gut oder besonders schlecht mit dir meinen. Sondern von jemandem, der Interesse am Thema hat, aber nicht zu tief drinsteckt, um den „Fluch des Wissens“ nicht mehr zu erkennen, und vor allem jemanden, der ein Gefühl für Bücher oder Texte hat.
„Ich möchte das perfekte Buch schreiben!“
Da muss ich kurz lachen.
Das wird nicht funktionieren.
Warum nicht?
Weil es das perfekte Buch nicht gibt.
In jedem Buch gibt es Fehler. Und selbst, wenn man keine offensichtlichen Hoppalas findet, kann man immer noch sagen, dass etwas zu viel oder zu wenig ist. Zu oberflächlich oder zu detailliert. Zu persönlich oder zu sachlich.
Es gibt so viele Blickwinkel wie Leser:innen. Du kannst es unmöglich allen recht machen. Und ehrlich gesagt musst du das auch nicht. Die einzige Person, der du es wirklich recht machen solltest, bist du selbst.
„Was, wenn jemand sagt, das stimmt nicht, was ich da geschrieben habe?“
Diese Gedanken sind völlig normal.
Du gehst mit deinem Buch raus. Mit etwas, das dich repräsentiert. Mit einem Stück deiner Seele.
Ja, es wird Menschen geben, die etwas daran auszusetzen haben. Die wird es immer geben. Ganz egal, wie gut dein Buch ist.
Das bedeutet aber nicht, dass du es nicht veröffentlichen solltest. Denn selbst wenn jemand Kritik äußert, muss diese Person erst einmal selbst ein Buch geschrieben haben. Und selbst wenn sie das getan hat und nur vergessen hat, wie herausfordernd dieser Prozess ist, darf dir das egal sein.
Dein Buch ist für deine Zielgruppe geschrieben. Wenn du dir vorher Gedanken darüber gemacht hast, wen du erreichen willst, dann wirst du genau diese Menschen auch erreichen.
Also mach dir nicht zu viele Sorgen.
Und hör auf, auf das perfekte Buch zu warten.
Mach ein Buch.
Lass dich begleiten.
Lass es lektorieren und Korrektur lesen – auch dann, wenn du überzeugt bist, dass deine Rechtschreibung großartig ist.
Aber mach dich nicht verrückt.
Perfektion bringt kein Buch in die Welt. Schreiben schon.