Wie schon geschrieben: Ein Buch sollte barrierefrei sein

Dass ein Buch barrierefrei sein sollte und warum, hast du wahrscheinlich schon in Teil 1 dieser Artikelserie gelesen. Wenn nicht, wäre es gut, das jetzt nachzuholen.

Wenn ja, dann geht es hier weiter. Was braucht man noch, um ein Buch barrierefrei zu gestalten?

Wir sollten wissen, wie unsere Leser:innen ticken (können). Damit wir sie entsprechend abholen und erreichen können. Was uns dabei sehr hilft, sind die Metaprogramme.

Was sind Metaprogramme?

Es handelt sich dabei um die Art, wie unsere Leser:innen Informationen verarbeiten und aufnehmen können. Diese Filter sind meist unbewusst und entstehen aus unseren Erfahrungen.

Dennoch bilden die Metaprogramme einen wichtigen Teil der individuellen Realität und Persönlichkeit jeder einzelnen Person.‎‎‎

Zu den Metaprogrammen zählen unter anderem die Unterschiede zwischen:

  • Überblick/Detail
  • Weg von/hin zu
  • Regeln/Möglichkeiten
  • Proaktiv/reaktiv
  • Intern/extern
  • Gleichheit/Unterschied

Überblick/Detail

Es gibt – extrem ausgedrückt – zwei unterschiedliche Wahrnehmungstypen. Einerseits die, die alles bis ins klitzekleinste Detail wissen müssen, um es zuordnen zu können. Man könnte sagen, die Erbsenzähler. Andererseits die, die einen Blick auf etwas werfen, sich mit Einzelheiten überhaupt nicht aufhalten, sondern nur wissen möchten, wie es im Groben funktioniert. „Danke, ich versteh schon, es reicht!“

Wenn diese beiden zusammenkommen, dann hilft nur ein gutes Nervenkostüm – oder das Verstehen, was beim anderen abgeht.

Und wenn diese beiden unterschiedlichen Menschengruppen auf dein Buch stoßen, dann wäre es fein, wenn du beide zumindest ansatzweise abholen könnten.

Zum Beispiel, indem du für die „Überblickler“

  • Bulletpoints einbaust
  • Kapitelgliederungen mit sprechenden Überschriften machst
  • Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels einfügst

Für die „Detailisten“ brauchst du zusätzliche Infoboxen mit extra Zahlen, Daten, Fakten, Fußnoten, Literaturlisten, Quellenverzeichnisse und vieles mehr.

Die meisten von uns haben beides in sich – wie im „echten Leben“ gibt es auch hier selten eine Reinform. Wenn du selbst jedoch deutlich mehr in eine Richtung tendierst, dann solltest du das die Leser:innen auch vorab wissen lassen, um dir enttäuschte Rezensionen zu ersparen. Du kannst deine Zielgruppe einschränken, indem du z. B. im Klappentext darauf hinweist. „Dieses Buch gibt Ihnen einen guten Überblick über …“ oder „Hier erfahren Sie alles, was Sie jemals über … wissen wollten“.

Und gerade, wenn du in einem Bereich arbeitest, der dir ermöglicht, über dein Buch neue Kund:innen zu bekommen, dann ist es auf jeden Fall sinnvoll, dich so zu zeigen, wie du bist. Denn dann kommen Kund:innen, die dir Freude bereiten und denen du mit dem, wie du bist, Freude bereitest.

Weg von/hin zu

Diese beiden Formen solltest du definitiv im Buch mischen – und das kannst du je nach Buch sogar schon im Titel tun. Worum geht es? Es gibt „Vermeider“, also Leute, die etwas tun, um eine Erfahrung NICHT zu haben.

„Ich mache diese Ausbildung, damit ich NICHT arbeitslos werde!“

Und jene, die zu etwas hinstreben:

„Ich mache diese Ausbildung, damit ich dies oder das erreichen kann!“

Wie kannst du das im Buch umsetzen? Ganz einfach – du wechselst die „Hin zus“ und die „Weg vons“ ab.

Denk an einen Buchtitel:

Raus aus der Schuldenfalle (weg von)

Untertitel:

So schaffen Sie ein sicheres Einkommen (hin zu)

Wenn du diese Taktik anwenden möchtest, ist es hilfreich zu wissen, welcher „Gattung“ du selbst angehörst oder zuneigst. Ich empfehle einen Test, die man zuhauf online findet. Denn dann weißt du, worauf du eher achten solltest. Aufs Vermeiden des Vermeidens oder aufs Anstreben des Anstrebens. ;-)

Regeln/Möglichkeiten

Ahhh, das ist tricky! Und wenn du mit jemandem zusammenkommst, der hier völlig anders tickt als du selbst, kann es schnell einmal mühsam werden – wenn du nicht weißt, was dahintersteckt.

Ich bekenne Farbe: Ich bin der klassische Möglichkeiten-Typ. Regeln sind gut, damit man weiß, wie es gehen KANN. Aber man kann es auch völlig anders machen. In meinem Fall kann das bedeuten, dass ich aus Prinzip, einfach, weil ich kann, zwei völlig unterschiedliche Socken anziehe. Oder ein Buchlayout bewusst nicht so mache, wie „man das macht“, weil mein B(a)uchgefühl etwas anderes sagt. Dazu gehört auch, dass ich manchmal Gegenstände Mc-Gyver-mäßig zweckentfremde, weil grad nichts anderes da ist.

Das Gegenteil davon wäre ein Mensch, der alles genau so macht, wie „es gehört“, weil man das einfach so macht. Der Regeln generell weder bricht noch biegt, sondern sich strikt daran hält. Ein Kochlöffel ist ein Kochlöffel, und er kann und darf für nichts anderes verwendet werden.

Manche Regeln sind natürlich wichtig und sollten eingehalten werden – gerade wenn es um ein angenehmes Miteinander geht, aber aus meiner Sicht ist eine gewisse Lässigkeit durchaus manchmal gut. Andernfalls gäbe es keine Entwicklung.

Wie auch immer – wie holen wir nun beide Gruppen in einem Buch ab? Das ist einfach, wenn es sich um einen Ratgeber handelt oder um ein beliebiges Buch, in dem es Übungen oder Anweisungen gibt.

Dem einen (Regelmenschen) erklärt man genau, wie eine Übung abzulaufen hat, während wir für den anderen („Möglichkeitler“) hinzufügen: „Das Rezept/die Übung darf natürlich beliebig abgeändert werden!“ Ich mach das ohnehin, dass ich Übungen und vor allem Kochrezepte beliebig ändere. Aber wenn ich die „Erlaubnis“ dazu bekomme, fühle ich mich noch ein bisschen mehr verstanden.

Proaktiv/reaktiv

Proaktive Menschen warten nicht, bis sie zu etwas aufgefordert werden, sie tun es. Sie lesen etwas und gehen gleich in die Umsetzung. Sie sind also im Schreibprozess pflegeleicht. Reaktive Menschen warten darauf, dass man sie anstupst: Mach doch! Jetzt!

Das heißt, sie brauchen Appelle und Aufforderungen.

Intern/extern

Auch hier sind die Ersteren pflegeleicht. Interne sind Menschen, die keine Bestätigung von außen brauchen, sondern die Bestätigung in sich selbst finden. Um sie brauchen wir uns hier weniger zu kümmern. Um die Externen, also jene, die von außen ein „Gutschi-Gu“ brauchen, dafür umso mehr. Wir dürfen unsere Leser:innen also ruhig loben: „Gratulation! Sie haben es geschafft – Sie haben sich den theoretischen Teil dieses Buches erarbeitet. Jetzt können wir mit Schwung an die Umsetzung gehen!“

Gleichheit/Unterschied

Es gibt Menschen, die sehen das Gleiche in allen Dingen. „Die Meier sieht aus wie die Berger – nur mit weniger Falten.“ Oder „So etwas kenne ich schon, so etwas Ähnliches habe ich schon gemacht!“, während andere die Unterschiede hervorheben. „Also, die neue Auflage von dem Buch ist ganz anders, da stehen fünf Sätze mehr drinnen!“

Im Schreibprozess können wir beide Gruppen gut abholen, indem wir unsere Vergleiche immer wieder variieren. Manchmal geht das sogar in einem Satz.

„Während der Grünwal im Unterschied zum Gelbwal ein Leichtgewicht ist, sind sich die Lebensbedingungen der beiden Säugetiere sehr ähnlich.“

Es gibt noch unzählige andere Metaprogramme – manche davon sind für uns relevant, andere gar nicht. Und es ist auch nicht wichtig, auf alle jederzeit Rücksicht zu nehmen. Gut ist es, wenn du sie einmal gehört hast, wenn du bei Bedarf darauf zurückgreifen kannst. Und wenn du in deinem Buch auf das eine oder andere eingehst.

Denn dann hat dein Buch eine gute Chance, barrierefreier zu werden.

Dieser Artikel wurde liebevoll und professionell von Gabriele Schweickhardt, Lektorin und Ghostwriter, Korrektur gelesen.
Du findest sie unter https://lektorat-schweickhardt.de/.

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Lisa Keskin ist
Autorin, BuchMacherin,
Leiterin der Ghostwriting Academy
und  Schreibcoach

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Bild von Stefan Keller auf Pixabay

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